QM-Systeme in der Automobilzulieferindustrie
Vor dem Hintergrund verstärkten Outsourcings, verbunden mit Just-in-Time-Lieferungen, hat die Automobilindustrie ihre Lieferanten mit zusätzlichen Forderungen an ihre QM-Systeme konfrontiert. Weitere Forderungen resultieren aus:
- steigenden Qualitätserwartungen der Kunden
- starkem Wettbewerbsdruck in Bezug auf die Qualität der Fahrzeuge
- Forderungen der Produkthaftung
- steigender technischer Ausstattung und Komplexität der Kraftfahrzeuge.
Die Forderungen der Automobilindustrie gehen dabei immer über die Forderungen der Qualitätsmanagementnorm DIN EN ISO 9001:1994 hinaus und sind in den nachfolgend aufgeführten (durch dritte zertifizierbare) Standards dargestellt.
QS-9000
Dieser Standard wurde im wesentlichen von den amerikanischen “großen Drei“ - Ford, General Motors und Chrysler - geschaffen. Die QS 9000 gliedert sich in 3 Sektionen und 8 Anhänge.
Sektion I – ISO 9001 basierende Forderungen
Die Forderungen der Norm wurden vollständig und wörtlich übernommen. Die einzelnen Abschnitte wurden um zusätzliche Forderungen ergänzt.
Sektion II – Branchenspezifische Forderungen
Dieser Bereich enthält drei weitere Unterkapitel mit Forderungen, die weit über den Umfang der ISO 9001 hinausgehen.
- Produktionsteil - Freigabeverfahren: Ein Antrag zur Freigabe eines bestimmten zu liefernden Produktes besteht grundsätzlich aus 14 verschiedenen Bestandteilen.
- Kontinuierliche Verbesserung: Hierzu werden spezifische Aktionspläne gefordert. Möglichkeiten zur Verbesserung sind z.B. Reduzierung von Maschinenstillstandszeiten, Rüstzeiten, Schrott, Nacharbeit etc.
- Fähigkeit der Fertigung: Sowohl produkt- als auch prozeßbezogen wird die Fehlervermeidung in den Vordergrund gestellt. Hierzu müssen systematische Planungsmethoden eingesetzt werden, um die Fähigkeit und Wirksamkeit zu erreichen.
Sektion III – Kundenspezifische Forderungen
Die Sektion III enthält Kundenspezifische Forderungen, die unter den Erstellern dieses Regelwerks nicht harmonisiert werden konnten.
VDA 6.1
Die Inhalte gehen deutlich über die Forderungen der ISO 9001 hinaus und decken auch branchenspezifische Forderungen ab. Darüber hinaus sind Forderungen der französischen, italienischen und der amerikanischen Automobilindustrie enthalten. Abgerundet wird der VDA Band durch weiterführende Gedanken aus dem TQM-Modell der EFQM (European Foundation for Quality Management). Der Aufbau gliedert sich in zwei Bereiche: Teil U "Unternehmensführung" und Teil P (Produktion und Prozeß).
Schwerpunkte im Teil "Unternehmensführung" sind z.B. finanzielle Überlegungen zum QM-System, Mitarbeitermotivation, Produktsicherheit, Produkthaftung, Unternehmensstrategie. Zur Unternehmensstrategie muß sich die Unternehmensleitung mit folgenden Themen auseinandersetzen: Geschäftsplanung, Feststellung der Geschäftsergebnisse mit neuen Zielvorgaben, Vergleich der Unternehmensweiten Leistungsdaten mit Wettbewerbern (hinsichtlich Produktivität, Wirtschaftlichkeit, Qualitätslage, und Leistungsfähigkeit), Feststellung und Pflege der Kundenzufriedenheit, Feststellung und Pflege der Mitarbeiterzufriedenheit, kontinuierlicher Verbesserungsprozeß (KVP).
Im Teil "Produktion und Prozeß" werden die produkt- und prozeßbezogenen QM-Elemente unter Systemgesichtspunkten behandelt.
ISO/TS 16949 (Standard der Zukunft)
Hier wurde eine Harmonisierung der QS 9000, VDA 6.1 sowie der entsprechenden französischen und italienischen Standards geschaffen. Dieser Standard wird von allen Automobilkonzernen, sowie den entsprechenden Systemlieferanten anerkannt. Somit entfällt die bisherige Praxis, daß weltweit tätige Zulieferer gezwungen waren, ein QM-System aufzubauen, welches den verschiedenen Anforderungen gerecht wurde, und dieses nach allen von den Kunden geforderten Normen auch zertifizieren zu lassen.
Für die Praxis ist davon auszugehen, daß sich die ISO/TS 16949 immer stärker durchsetzen wird und die anderen Normen der Automobilindustrie mittel- bis langfristig komplett ersetzen wird. Das Problem ist derzeit allerdings die Tatsache, daß die ISO/TS 16949 in der ersten Version auf der Struktur der alten ISO 9001:1994 basiert. Eine Revision auf der Basis der ISO 9001:2000 ist in Arbeit, der Erscheinungstermin jedoch noch ungewiß. Sicherlich wird eine schnelle Verabschiedung erwartet, spätestens in zwei Jahren muß sie erfolgt sein.
Harald Neumeyer, 01.07.2001
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