Die Heuschrecken drehen ab
Zur aktuellen Kapitalismuskritik
Einige größere Übernahmen haben im vergangenen Jahr hierzulande den Eindruck verstärkt, ausländische Investoren würden sich wie Heuschrecken-Schwärme über deutsche Firmen hermachen. Gemessen an den insgesamt 3,3 Millionen Unternehmen sind das aber nur wenige reine Unternehmensübernahmen: Im ersten Halbjahr 2004 nicht einmal 40, wobei sich ein Teil der Verkäufe unter Deutschen abspielte. Eine Gefahr für die Demokratie, wie Franz Müntefering befürchtet, sind die internationalen Finanzunternehmen damit schon gar nicht.
In der deutschen Bevölkerung sitzt das Unbehagen gegenüber der Marktwirtschaft und der Rolle von Unternehmern und Unternehmen tief. Dieses Gefühl wird gespeist aus dem mangelnden Verständnis ökonomischer Zusammenhänge und einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber vermeintlich übermächtigen Institutionen. Dabei würde es vielfach reichen, einen Anfängerkurs in Betriebswirtschaftslehre zu besuchen, um Missverständnisse auszuräumen. Eine Firma stellt nämlich Mitarbeiter ein, solange sich das rechnet – also die Erlöse aus der zusätzlichen Kraft die Kosten dafür übersteigen. Alles andere wäre unlogisch, denn ein “richtiger“ Kapitalist will möglichst hohe Gewinne erwirtschaften.
Insofern entscheiden nicht übermächtige Bosse und kaltherzige Investoren über das Wohl und Wehe von Firmen und Jobs, sondern die Rahmenbedingungen, unter denen Betriebe wirtschaften müssen. Diese werden jedoch nicht zuletzt von der Politik und den Gewerkschaften maßgeblich beeinflusst. Kostet Arbeit zu viel, gehen Arbeitsplätze verloren. Diese betriebswirtschaftlichen Grundregeln haben in guten Zeiten auch viele Unternehmen selbst aus dem Blickfeld verloren. Erst allmählich realisieren sie, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren müssen, um zu überleben. Sie trennen sich von Bereichen, die Verluste erwirtschaften und das ganze Unternehmen und damit alle Arbeitsplätze in Gefahr bringen.
Diesen Erneuerungsprozess haben nicht zuletzt ausländische Investoren angeschoben. Nach einer Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young belief sich im ersten Halbjahr 2004 der Wert der Unternehmensübernahmen auf insgesamt rund 13 Milliarden Euro, wobei ein Großteil des Geldes aus den USA kam. Aktionäre und Investoren sorgen bei diesen Firmen jetzt für den notwendigen Druck, den Strukturwandel anzugehen, statt alte Pfründe zu verteidigen. Allerdings sind das noch immer Einzelfälle. Denn generell macht das ausländische Kapital zunehmend einen Bogen um Deutschland. Nicht ohne Grund: Anderswo lässt sich mehr verdienen als hier. Spanische Firmen kamen zuletzt auf einen Jahresüberschuss von 7 Prozent des Umsatzes – deutsche auf plus minus null. Die Diskussion über den Kapitalismus hat zwei weitere Facetten:
Shareholder-Value. In der Öffentlichkeit wird darüber geklagt, daß sich das Management einseitig an den Interessen der “Shareholder“ (Anteilseignern) orientieren würde, denen es nur um Profitmaximierung gehe. Unternehmen werden immer wieder nach Möglichkeiten suchen, neue Geschäftsfelder aufzutun und Mitarbeiter zu rekrutieren, solange sich das rechnet. Davon abgesehen wird aber das Thema Shareholder-Value aufgebauscht. Aktionäre – und damit auch Hedge-Fonds (ausländische Anlagestrategen mit eigenem und geliehenem Geld) – haben weniger Einfluss auf die deutsche Wirtschaft als kolportiert. Denn Aktiengesellschaften stellen nur 0,2 Prozent der 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland und nur 974 Unternehmen sind börsennotiert. Der wichtigste Wirtschaftsmotor sind kleine und mittelständische Unternehmen. In der Industrie dominieren dort mit rund 84 Prozent Familienunternehmen, die nur eine geringe Angriffsfläche für Shareholder, Beteiligungsgesellschaften & Co. bieten.
Politischer Druck. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber Investoren, welche Arbeitnehmer vermeintlich zum Spielball ihrer Renditestrategien machen, äußert sich jedoch nicht nur gegenüber ausländischen Kapitalgebern – auch heimische Firmen bekommen ihr Fett weg. Ihnen würden – so heißt es – von der Politik auf die Drohung hin, Arbeitsplätze nach Osteuropa zu verlagern, immer mehr Zugeständnisse gemacht. Abgesehen davon, dass die unternehmerischen Rahmenbedingungen zwar etwas verbessert wurden, doch längst nicht so wie erforderlich, um Deutschland wieder zu einem dynamischen Wirtschaftsstandort zu machen, stellt sich die Frage, ob eine solche Drohkulisse überhaupt aufgebaut werden kann. Denn deutsche Arbeitnehmer profitieren eher von der Osterweitung:
Die deutschen Exporte nach Osteuropa stiegen im vergangenen Jahr um 9 Prozent. Die Importe legten nur um knapp 1,7 Prozent zu; u.a deshalb konnte im Jahr 2004 mit 116,8 Milliarden Euro der höchste Exportüberschuss verzeichnet werden. Außerdem haben bisher nach Angaben der Kreditanstalt für Wiederaufbau nur knapp 2 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in den neuen EU-Staaten investiert, während aber 9,2 Prozent erfolgreich dorthin exportieren. Eine Verlagerung von Produktionsstätten nach Mittel- und Osteuropa ist nur für 9 Prozent der Unternehmen ein relevantes Thema.
Friedhelm Denkeler, 16.06.2005, Quelle: Argumente zu Unternehmensfragen Nr. 6/Juni 2005, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln
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