Über fünf oder unter drei Prozent?
Podiumsdiskussion zu Produktivität und kommender Lohnrunde
Rechtzeitig zur bevorstehenden Tarifrunde veranstaltete das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in Berlin mit Wirtschaftsexperten aus Wissenschaft und Politikberatung eine Podiumsdiskussion zum Thema "Produktivität - eine strittige Schlüsselgröße". Den maximalen Verteilungsspielraum gibt das für dieses Jahr zu erwartende Produktivitätswachstum vor. Wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, ist die Zunahme der Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen jedoch nur schwer vorherzusagen. So hatten sowohl der Sachverständigenrat als auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für das Jahr 2000 ein Produktivitätsplus von 2,4 Prozent vorhergesagt - tatsächlich stieg das reale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen aber letztlich nur um 1,4 Prozent. Für 2001 sah es nicht besser aus.
Die Produktivität dürfe deshalb kein Maßstab für Lohnforderungen sein, sagte Ulrich van Suntum. Er sieht bei Lohnerhöhungen um drei Prozent bereits ein beschäftigungspolitisches Risiko: "Mehr als 2 Prozent sind nicht drin." Ähnlich äußerte sich Hans-Werner Sinn: "Wir werden Schlußlicht in Europa bleiben!". Er fordert eine langfristige Tarifpolitik über 5 Jahre mit lediglich einem Inflationsausgleich. Wirtschaftlich stärkere Betriebe sollten statt dessen Zugaben geben oder eine Mitarbeiterbeteiligung vorsehen. Die Gewerkschaften fordern in den aktuellen Runden Lohnsteigerungen zwischen 4,5 und 6,5 Prozent.
Bert Rürup würde Lohnerhöhungen von 2,6 bis 2,7 Prozent noch akzeptabel finden. Damit hat auch Rüdiger Pohl "keine Probleme". Er stellte sich aber gegen die Forderungen, die Löhne in den neuen Bundesländern an das West-Niveau anzupassen. Zunächst müsse die Produktivität auf einem vergleichbaren Niveau liegen. Die Ost-Löhne haben zur Zeit eine Höhe von 77 Prozent des West-Niveaus während die Produktivität erst bei 58 Prozent liegt. Keiner der Beteiligten ließ das "Kaufkraftargument" gelten. Laut IW könne eine Differenz zwischen Wachstum und Lohnabschluß von einem Prozent langfristig 130 000 Arbeitsplätze schaffen.
Also kein "großer Schluck aus der Pulle" sondern langfristige Lohnpolitik in der Nähe der zu erwartenden Preissteigerungen und Verträge, die den Betrieben einen größeren Spielraum, auch nach unten, entsprechend ihrer Ertragslage, lassen, ist das Fazit aus den Diskussionsbeiträgen.
Friedhelm Denkeler, 13.03.2002
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